Grafikkarten

Radeon RX 5700 XT auf über 2,2 GHz übertaktet: SoftPowerPlayTables im Einsatz!

Im Gegensatz zu Nvidias Restriktionen kann man die Voreinstellungen der Radeon-Karten faktisch beliebig aushebeln und ändern – seien es nun Taktobergrenzen, Power-Limit oder sogar die Spannung. Immer vorausgesetzt, man hat das richtige Profil zur Hand. Das Ganze nennt sich SoftPowerPlayTable und kann, für den Endanwender recht einfach, auch schnell in die Registry implementiert werden. Wie schon bei der Radeon VII und früher bei Vega hat unser Forenuser hellm hier mal wieder ganze Arbeit geleistet und mir die neuen Tabellen bereits zum Experimentieren überlassen. Ja, die RTG (Radeon Tweaker Group) lebt!

Wichtige Vorbemerkung

Eine wichtige Vorbemerkung muss ich aber auch diesmal voranstellen. Die hier im Artikel verlinkten SoftPowerPlayTables (kurz SPPT) sind ein experimenteller Eingriff ins System und mit Sicherheit nicht für den 24/7-Einsatz in Produktivsystemen geeignet! Vor allem die nunmehr möglichen, höheren Spannungen sind eine große Unbekannte in der üblichen Overclocker-Milchmädchen-Rechnung. Denn wer es übertreibt, spart zwar im Moment vielleicht das Geld zur nächstschnelleren Karte, riskiert auf längere Zeit hin aber auch seine Hardware und damit die gesamte Investition. Der Artikel soll zeigen, was wir damit anstellen konnten und wo mögliche Grenzen liegen, ist damit also nichts anderes als eine kurze Wegbeschreibung dessen, was wir gemacht haben. Für Eure Hardware und die Folgen übernimmt niemand die Haftung, denn dafür seid Ihr komplett selbst verantwortlich!

 

Teste die Grenzen!

Es war ein recht mühsames Herantasten, denn es gab ja noch keine Erfahrungen. Man muss im Übrigen keinen Chiller nutzen, um auf ähnlich hohe Werte zu kommen, eine einfache Wasserkühlung reicht durchaus, wenn man es nicht übertreibt, man muss also nicht einmal einen Chiller verwenden. Das Delta zwischen der Wassertemperatur und der GPU-Diode lag im Extremfall bei ca. 35 Grad, bei nur mittleren Übertaktungen dann deutlich niedriger. Solange man signifikant unter 50 °C GPU-Temperatur bleibt, gibt auch beim Maximaltakt eigentlich keine großen Hürden. Unter ca. 45 °C ist dann ideal, setzt aber eine Wassertemperatur von maximal 30 °C voraus. Das kann man auch so schaffen, aber eben nicht mit Luftkühlern.

AMDs Power Tune auf den Navi-Karten ist eine recht interessante Sache, denn die Taktregelung hat auch im Normalfall schon so etwas von Chill, dem Stromsparfeature der AMD-Treiber. Der Maximaltakt (samt Spannung) liegt demnach nicht immer an, sondern nur, wenn die Grafiklast es auch erfordert. Diese Spielweise ist recht smart, hinterlässt natürlich auch keinen konstanten Takt zum Angeben, sondern einen guten Taktverlauf, der sich der Spielelast dynamisch anpasst. Wer es durchgängig mag, lädt Witcher 3 und bleibt einfach stehen. Dann bollert der Ofen, als müssten Hänsel und Gretel 100 Hexen auf einmal verbrennen.

Im WattMan kann man, je nach implementierter SPPT, die Settings der Karte (Chipqualität) und der Kühlung anpassen:

Ich habe für meinen Test mit den 2,2 GHz+ Spitzentakt ein Setting mit 2276 MHz für den Takt und die vollen 1.25 Volt gewählt. Die Kurve kann man durchaus so lassen wie sie ist und später ggf. noch etwas abflachen. Für die Leistungsaufnahme spielt das eigentlich fast keine Rolle. Die Einstellung für die Power habe ich auf 95% gesetzt. wir werden auf der nächsten Seite noch sehen, dass dies nicht in ausschweifenden Strom-Orgien endet, wohl aber für einen runderen Verlauf der Frametimes wichtig sein könnte.

Genau das habe ich nämlich festgestellt, als ich die Frequenzen mitgeloggt habe. Wir sehen im Maximalprofil einen etwas softeren Verlauf mit weniger Einbrüchen bei schwankenden Lasten. getestet habe ich wieder Shadow of the Tomb Raider in Full-HD, aber alles Einstellungen auf Ultra. Und nein, es limitiert NICHT die CPU, wie oft vermutet, denn sogar eine RTX 2080 Ti OC skaliert noch brav mit Shadern und Takt, was ich in einem Plausibilitätstest natürlich vorher mal ausprobiert habe. Hier limitiert einzig und allein die GPU.

Diese hohen Spitzenwerte beim Takt sind für diese Karte durchaus beachtlich, denn immer genau dann, wenn sie auftreten, ist auch die Grafiklast besonders hoch.

Ich werde Euch auf der nächsten Seite noch zeigen, dass die Performance noch einmal ordentlich angestiegen ist und die Leistungsaufnahme eben NICHT extrem explodiert ist. Die Erhöhung der Spannung hatte also in diesem Punkt keine allzu dramatischen Folgen. Aber, das muss ich noch einmal betonen, die hohen Spannungen verursachen auch bei perfekter Kühlung auf Dauer gesehen einen schleichenden Tod. Und genau deswegen ist dies eher nichts für den Alltag. Das muss man unbedingt beachten!

 

Testsystem und Messmethoden

Das neue Testsystem und die -methodik habe ich ja im Grundlagenartikel “So testen wir Grafikkarten, Stand Februar 2017” (Englisch: “How We Test Graphics Cards“) bereits sehr ausführlich beschrieben und verweise deshalb der Einfachheit halber jetzt nur noch auf diese detaillierte Schilderung. Wer also alles noch einmal ganz genau nachlesen möchte, ist dazu gern eingeladen.

Interessierten bietet die Zusammenfassung in Tabellenform schnell noch einen kurzen Überblick:

Testsysteme und Messräume
Hardware:
Intel Core i7-8700K @5 GHz
MSI Z370 Gaming Pro Carbon AC
16GB KFA2 DDR4 4000 Hall Of Fame
1x 1 TByte Toshiba OCZ RD400 (M.2, System SSD)
2x 960 GByte Toshiba OCZ TR150 (Storage, Images)
Be Quiet Dark Power Pro 11, 850-Watt-Netzteil
Kühlung:
Alphacool Eisblock XPX + EKWB Vector Radeon RX 5700
8x Be Quiet! Silent Wings 3 PWM, 2x 480mm Alphacool Nexxos UT60 480 mm
Thermal Grizzly Kryonaut (für Kühlerwechsel)
Gehäuse:
Lian Li PC-T70 mit Erweiterungskit und Modifikationen
Modi: Open Benchtable, Closed Case
Monitor: Eizo EV3237-BK
Leistungsaufnahme:
berührungslose Gleichstrommessung am PCIe-Slot (Riser-Card)
berührungslose Gleichstrommessung an der externen PCIe-Stromversorgung
direkte Spannungsmessung an den jeweiligen Zuführungen und am Netzteil
2x Rohde & Schwarz HMO 3054, 500 MHz Mehrkanal-Oszillograph mit Speicherfunktion
4x Rohde & Schwarz HZO50, Stromzangenadapter (1 mA bis 30 A, 100 KHz, DC)
4x Rohde & Schwarz HZ355, Tastteiler (10:1, 500 MHz)
1x Rohde & Schwarz HMC 8012, Digitalmultimeter mit Speicherfunktion
Thermografie:
Optris PI640, Infrarotkamera
PI Connect Auswertungssoftware mit Profilen
Akustik:
NTI Audio M2211 (mit Kalibrierungsdatei)
Steinberg UR12 (mit Phantomspeisung für die Mikrofone)
Creative X7, Smaart v.7
eigener reflexionsarmer Messraum, 3,5 x 1,8 x 2,2 m (LxTxH)
Axialmessungen, lotrecht zur Mitte der Schallquelle(n), Messabstand 50 cm
Geräuschentwicklung in dBA (Slow) als RTA-Messung
Frequenzspektrum als Grafik
Betriebssystem Windows 10 Pro (1903, alle Updates)

 

 

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Igor Wallossek

Chefredakteur und Namensgeber von igor'sLAB

Computer-Nerd seit 1983, Audio-Freak seit 1979 und seit über 50 Jahren so ziemlich offen für alles, was einen Stecker oder einen Akku hat.