Audio/Peripherie Bluetooth Testberichte

Ultimate Ears Boom 3 im Test – Bluetooth Party-Kracher oder Windei?

Dass sich hinter dem Label Ultimate Ears eigentlich Logitech verbirgt, wissen sicher  die Wenigsten. Ob man das jetzt als Vorteil oder Bürde empfindet, ist dabei jedem selbst überlassen. Wobei sich die ganzen Bluetooth-Produkte mittlerweile eh alle irgendwie gleichen und man am Ende kaum noch wirklich signifikante Unterschiede sieht. Zumindest nicht auf den ersten Blick, beim zweiten dann schon. Mit einer UVP von 150 Euro bewegt man sich allerdings schon in mondäneren Finanz-Kreisen, wo der Boom 3 definitiv nicht hin- und dazugehört. Da man das gute Stück aber mittlerweile für deutlich unter 100 Euro bekommt (manche Farben sogar ab ca. 80 Euro), war mir das Ganze dann doch einen Test wert.

Denn am Ende soll ja auch der Leser seinen Benefit von so einem Test haben,  denn beim Preis hört die Freundschaft auf. Für einen UHU, also einen Unter-HUndert, ist der Boom 3 nämlich nicht einmal schlecht, wenn man von solchen Silikonröhren keine Vergewaltigung der Physik verlangt. Deshalb habe ich meinen Höreindruck auch noch einmal durch eine Messung des Frequenzumfangs und mit Hilfe der Zerfallskurven untermauert. Denn dass hier akustisch ganz tief in die Trickkiste gegriffen werden muss, ergibt sich ja allein schon aus der geringen Größe und dem tatsächlichen Innenvolumen.

Je nach Farbe kostet das Teil etwas mehr oder weniger

Lieferumfang und Software

Doch immer schön der Reihe nach! Zunächst schaue ich nämlich immer in die Kiste und nach dem Zubehör. Lautsprecher, Quick-Start-Guide und Ladekabel sind dabei, mehr nicht. So ein kleines 5V-Steckernetzteil für ca. 2 USD im Einkauf fehlt leider, was zwar der Gewinnmaximierung dient, aber der Anwenderfreundlichkeit sehr abträglich ist. Gerade für Unterwegs hätte man sich so einen Stromspender gern noch gewünscht, also muss man selbst nachkaufen. Wie gesagt, 150 Euro UVP setzen die Latte der Begehrlichkeiten nun mal etwas höher.

 

Software sells Hardware, das ist am Ende eine bittere Wahrheit, die schon das Windows-Phone umgebracht hat. Logitech, pardon Ultimate Ears, hat deshalb natürlich auch eine App mit am Start, die sogar mit einem Equalizer zum Klangverschlimmbesserung, dem Party-Modus zum Koppeln mehrerer dieser Schallspender und auch zum Einbinden von Playlists diverser Musikanbieter wie Spotify  dient. Die funktioniert stabil und intuitiv, zumal man hier auch noch Firmware-Updates für den Boom 3 erhält, was ich in der Praxis gleich einmal testen durfte. Funktioniert aber klaglos. Nur ein dunkles, energiesparendes und augenschonendes Design gibt es leider nicht.

 

Optik, Haptik und Funktionalität

Gut, in die Röhre schauen wir jetzt nicht, aber auf selbige. Silikon-Ganzkörperkondom trifft textile Bespannung als legere Pelle für obendrauf. Sieht nun mal aus, wie ein Bluetooth-Lautsprecher und ist auch einer. Das Teil wird mit IP67 beworben, darf also auch mal mit in die Badewanne oder den Baggersee. Zumindest in der Wanne sind die ausgelobten 30 Minuten völlig ausreichend, denn im Selbsttest war das Wasser eh nach 20 Minuten reichlich kalt. Reicht also. Dusche, Regen oder hektisch verspritzter Kaffee sollten somit nichts zerstören können.

Die Bedienung ist intuitiv, denn das allgemeine Konzept wiederholt sich ja immer wieder, weil auch Bluetooth nur über einen gewissen Funktionsumfang verfügt. Das nachfolgende Schema zeigt sowohl die Bedienelemente als auch die wichtigsten Abmessungen. Mit 18,4 cm Höhe und einem Durchmesser von 7,3 cm ist der Boom 3 irgendwo im Mittelfeld. Nicht zu groß, aber eben auch nicht zu klein. Die 608 Gramm gehen aufs Konto  des Akkus sowie der vier Chassis, von denen zwei runde  2″-Treiber aktiv für den Schalldruck sorgen und zwei passive 2 x 4 Zoll Passivmembranen fürs Untenrum verantwortlich sind. Das ist die übliche Bestückung und enthält keine akustischen Verrenkungen der verzwirbelten Art. Damit kann man leben.

 

Die Schlaufe ist praktisch, aber man hätte sich fast noch einen einfachen Karabinerhaken im Zubehör gewünscht. Die Bedienung über die beiden Lautstärkeregler an der Front, den Pairing-, den Ein-Aus- und den sogenannten Magic-Button ist klassenüblich. Letzterer kann vorspringen und auch eigene Playlists abarbeiten, der App sei Dank. Das Koppeln geht recht sicher, aber die angegebene Reichweite von 45 Metern ist eher ein Papierwert, zumindest beim Koppeln.  Solange man in normaler Rufweite bleibt, geht es später auch mit der Verbindung, eine passende Quelle vorausgesetzt. Nur darf dann kein Baum dazwischen stehen.  A2DP ist Standard und mit an Bord, viel mehr aber auch nicht.

 

Geladen wird das Teil per Micro-USB und der Ladevorgang selbst kann je nach Stromquelle sehr unterschiedlich lange dauern. Deshalb auch eingangs der Einwurf mit dem vermissten Steckernetzteil. Das mitgelieferte Kabel hat eine eingebaute Status-LED im Stecker, immerhin. Der Akku ist reichlich groß bemessen, auch wenn ich die ausgelobten 15 Stunden so nicht erreichen konnte. Um die 4-5 Stunden maximale Pulle waren aber sicher drin, bei Zimmerlautstärke auch mal bis zu 10 Stunden. Reicht locker.

Sound-Messung und Klangeindruck

Naja, es ist und bleibt eben ein kleiner Bluetooth-Lautsprecher, gefangen in seinem eigenen Körper. Das darf man fairerweise nie aus den Augen verlieren, dann kann man das Gemessene und Gehörte auch objektiv einordnen. Deshalb habe ich das gute Stück mal mit in die Audio-Chamber geschleppt. Und was ist dabei herausgekommen? Wenn wir uns die Kurve anschauen, dann sehen wir auch, dass die beiden Passivmembranen auf den Oberbass (100 bis 150 Hz) abgestimmt wurden, was auch einen Sinn ergibt.

Tiefergreifende Bassorgien bekäme man aus so einem Winzding nur mit Hilfe von mehr Ausgangsleistung heraus, bei der sich der Hersteller allerdings vornehm ausschweigt. Vergleichsmessungen mit ähnlichen Lautsprechern, deren Ausgangsleistung bekannt ist, verleiten mich zu einer Schätzung von echten  3 Watt pro Kanal, mehr nicht. Wobei das durchaus reichen kann und schon recht laut ist. Das eigentliche Glanzstück ist der Mitteltonbereich, während der Hochton in der Summe etwas schwächelt, jedoch partiell unangenehme Spitzen aufweist, die in der geglätteten Kurve nicht sichtbar sind. Doch dafür habe ich gleich noch die Zerfalls-Kurven. Allerdings muss man hier doch anmerken, dass die Abstrahlung sehr winkelabhängig erfolgt und ich im Freifeld gemessen habe. Dafür ist das Resultat durchaus noch passabel, wenn auch kein Hi-Fi.

Schaut man sich die Zerfallsdiagramme an und bringt einmal alles auch ins richtige Verhältnis zur Zeit, dann sieht man anhand des  “Ansprechens” und “Nachschwingens” im kumulativen STF-Spektrum, dass der Bereich bis in die oberen Mitten gut eigentlich abgebildet wird, jedoch nach einer Delle gewisse Resonanzen auftreten, die ich den sehr lange ausschwingenden und trägen Passivmembranen anlasten würde. Einen echten Tiefbass findet man übrigens nicht, aber es schrammelt schon ganz ordentlich. Mit so einer kleinen Röhre für diesen Preis auch hörbar und verlustfrei unter 100 Hz zu kommen, das wäre schon arg sportlich.

Der Hochton ist durch zwei recht unangenehme Peaks geprägt, die bei  ca. 6 KHz und bei ca. 8 KHz liegen. Spielt man gutes Material ein, dann können Sibilanten, Ausblasgeräusche und Schlagzeuge schon arg nerven. Hier hört man mehr, als man es vielleicht möchte. Aber es ist Mainstream-kompatibel und steht für den allseits geliebten Badewannensound.

Das CSD-Diagramm ist schonungslos.  Es zeigt die unterschiedlichen Zeiten des Ansprechens und des “Stehenbleibens” eines Frequenzbereiches. Vor allem im Bereich ab den oberen Mitten und dem Hochton zeigen die fast schon kristallin wirkenden Kurvenverläufe das akustische Irrlichtern der aktiven Chassis. Während die Mitten nahezu ewig vor sich hin wobbeln, ist es im oberen Bereich geradezu chaotisch. Es klingt für das menschliche Ohr reichlich unsauber und ausgefranst. Man erkauft die Lautstärkepegel im unteren Bereich durch langanhaltende und mit Sicherheit auch gewollte Resonanzen, was zwar eine oberflächliche Fülle vorgaukelt, aber eigentlich jeder filigraneren Musik eine Schlag in die Magengrube versetzt. Capital Bra geht ganz gut, aber Mozart wird gesteinigt und eine Bach-Trompete samt Komponisten und Bläser mit der  50-Tonnen-Presse geradezu dematerialisiert.

Zusammenfassung und Fazit

Man landet mit dem Boom 3 ungewollt, aber zwangsläufig in der Kategorie “Kann man kaufen, muss es aber nicht”.  Damit ist dieser Test natürlich kein Verriss, im Gegenteil. Ich hatte schon deutlich schlechtere Tröten für gleiches oder mehr Geld in den Fingern, das muss auch mal gesagt werden. Allerdings auch bessere. Die Software reißt es übrigens dann am Ende wieder raus, auch wenn sie am klanglichen Defizit nur oberflächlich kratzen kann. Aber es lindert die größten Schmerzen. Es ist ein Analgetikum für die Sinne, aber leider auch keine Totaloperation.

Laufzeit, Ladezeit und Handling sind gut bis sehr gut, dicht ist der Boom 3 auch.  Die Schlaufe löst einige Probleme und mit Karabinerhaken ist sie dann im Freien und unterwegs sogar richtig hilfreich. Nur muss man den, wie auch ein passendes Steckernetzteil, dann doch selbst kaufen. Denn man hat ja nicht immer den PC dabei. Meine ganzen Mobiltelefone nutzen mittlerweile USB-C, so dass hier auch kein einziges Ladegerät passt. Und sonst? Klingt ordentlich, ist einigermaßen laut und sieht recht fesch aus. Mehr kann man nicht dazu schreiben und sollte es sicher auch nicht.

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Igor Wallossek

Chefredakteur und Namensgeber von igor'sLAB

Computer-Nerd seit 1983, Audio-Freak seit 1979 und seit über 50 Jahren so ziemlich offen für alles, was einen Stecker oder einen Akku hat.