Preistreiber MLCC – vieles wird unbemerkt teurer (und schlechter), weil in der Industrie genau diese Kondensatoren knapp werden

Alle reden derzeit über viel zu hohe Speicherpreise, aber die wahren Feinde von Bilanz und Qualität kennt kaum ein Außenstehender. Denn erstens spricht die Industrie nicht gern darüber und zweitens ist dieses Bauteil zu klein, zu unauffällig und auch nicht spektakulär genug, um sich groß in die Schlagzeilen zu schieben. Dabei hört sich das, was einem gerade aus OEM- und ODM-Kreisen zugetragen wird, fast schon wie ein kleiner Wirtschaftskrimi an. Denn es ist auch kein gerade eben erst aufgetretenes Problem, sondern es wird seit Monaten kontinuierlich größer.

Die Rede ist vom MLCC (Multi Layer Ceramic Capacitor), also dem Keramikvielschicht-Chipkondensator. Oder besser einer ganzen Menge davon, die aber in der Summe immer weniger ausreicht. So müssen Hersteller, die heute MLCC ordern, mit einer Vorlaufzeit von satten 4 bis 5 Monaten rechnen, wenn sie keine Kapazitäten im Voraus bestellt haben. Wer es schneller möchte, zahlt dann schon schnell mal das Doppelte. Die Gründe liegen in der explosionsartig gesteigerten Nachfrage, für die Firmen wie Tesla nur exemplarisch stehen. Trends wie Automotive & Co hat samt dem dazugehörigen Komponentenbedarf wohl keiner der Produzenten vorausgesehen.

MLCC auf eine Grafikkarte

Wo liegen die Ursachen?

Dabei sehen die Prognosen eher düster aus. Denn die begrenzte Kapazitätserweiterung in der MLCC-Industrie, insbesondere die Fähigkeit, Keramikschichten zu stapeln (begrenzte Investitionen in die dreidimensionale Stapelkapazität für dielektrische Bariumtitanat-Komposite und Nickelelektrodenpaste), wird den Mangel an MLCC wohl sicher bis 2020 und darüber hinaus kaum beseitigen können. Dabei wird MLCC wirklich an allen Ecken und Enden gebraucht.

MLCC ist faktisch die Allzweckwaffe der Elektronikindustrie, wenn es um Schaltungen auf engstem Raum geht. Und MLCC wird branchenübergreifend eingesetzt. Die kosteneffektivste Lösung war und ist nun mal auch für die nächsten Jahre das Stapeln von Keramik. Ein Umschwenken auf Alternativen wäre nur möglich, wenn es denn welche gäbe. Und das, was man ersatzweise verwenden könnte, wird genau deshalb auch knapper. Einziger Ausweg: neue Technologien. Aber das braucht dann wiederum viel Zeit.

Was sind die Folgen?

Kurzfristig wird es wohl so sein, dass die Abnehmer in den aktuellen Schlüsselsegmenten den unbeschränkten Zugriff verlieren werden, insbesondere die Unternehmen der Unterhaltungselektronik und von Haushaltsgeräten, wo dann noch der zusätzliche Verlust eines wichtigen MLCC-Herstellers im Y5V-Dielektrikum den Preisdruck weiter enorm erhöht hat.

Die Folgen könnten auch eine direkte Auswirkung auf die Qualität der Endprodukte haben, denn wie wir aus OEM-Kreisen erfahren konnten, verwenden mittlerweile einige Hersteller gezwungenermaßen Low-End Bauelemente mit deutlich geringeren Standards aus der Smartphone-Industrie auch in artfremden Einsatzgebieten. Da soll es sich konkret um Notebook-Platinen und PC-Mainboards handeln.

Dass dies nicht wirklich der Haltbarkeit dienen dürfte, ist auch klar. Allerdings ist der Preisdruck mittlerweile so hoch, dass einige Hersteller mittlerweile sogar so etwas riskieren, um selbst lieferfähig zu bleiben. Wir haben mittlerweile fast alle großen Grafikkarten- und Mainboardhersteller (wo es möglich war) auf dem kurzen Dienstweg befragt und alle konnten uns insofern beruhigen, da diese Firmen mit einem sehr gut gepolsterten Forecast arbeiten und bisher kaum Probleme hatten.

Allerdings dürfte es hier mal wieder die kleineren Hersteller mit geringerem Budget treffen, die weder die nötigem Vorkasse- bzw. Sicherheitsleistungen aufbringen können, noch logistisch in der Lage sind, eine solch intensive Lagerhaltung zu betreiben. Denn das ist dann ebenfalls erst einmal gebundenes Kapital, das keinem wirklich nutzt. So dürfte vor allem bei Billiganbietern die Hemmschwelle sinken, auch minderwertige Komponenten zu verbauen.

Dazu kommt auch noch der Hinweis aus der Branche, dass neue Hersteller fast schon bedenkenlos zertifiziert werden, nur um der Nachfrage besser Herr werden zu können. Über die Qualität der Produkte solcher Schnellschüsse ist bisher aber noch nichts bekannt. Allerdings ist auch hier bereits eine Art Alarmstimmung zu verzeichnen, wenn Komponenten unklarer Herkunft angeboten werden. Man könnte sogar vermuten, dass es nicht mehr lange dauert, bis auch Falsifikate bekannter Markenhersteller in Stückzahlen auftauchen. Defizite machen ja bekanntlich erfinderisch.

Wir bleiben dran, denn das Thema ist wirklich spannend, auch wenn man es so einem kleinen MLCC auf den ersten Blick gar nicht ansieht.

Igor Wallossek

Chefredakteur und Namensgeber von igor'sLAB

Computer-Nerd seit 1983, Audio-Freak seit 1979 und seit über 50 Jahren so ziemlich offen für alles, was einen Stecker oder einen Akku hat.

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