Gaming Software Testberichte

Need for Speed Heat – Der Most Wanted Underground mit Burnout-Garantie und Paypack fürs Carbon

Es ist scheinbar en vogue, alles genüsslich zu ver- und zerreißen, was als Teil der NfS-Reihe seit Most Wanted angeboten wird. Und man sollte die Filmemacher von “The Fast and the Furious” auch heute noch täglich mindestens ein Mal ordentlich verprügeln, dass sie es seinerzeit so grandios geschafft haben, diese Spiele-Reihe über Jahre hinaus so nachhaltig zu verhunzen.  Doch ich stelle mich jetzt bewusst gegen den Trend und nehme mir frecherweise sogar heraus, NfS Heat (richtig) gut zu finden. Dabei ist es weder optisch besonders schön ausgefallen, noch beinhaltet es innovative Features, die man so noch nicht gesehen hat. Frostbite-Look und Burnout-Paradiese-Spielemechanik hatten wir ja schon zur Genüge. Aber es hat trotzdem was!

Ja, die Idee mit den individuellen Tag-Nacht-Wechseln, wo selbst der tagsüber so kreuzbrave Buchhalter Kevin-Horst zum Neon-illuminierten Justin-Tiger der heißen Nacht mutiert, macht mir persönlich wirklich Spaß. Tagsüber grindet semmelt man durch “offizielle Rennen” um Geld einzusammeln, dass man dann mit vollen Händen für Teile ausgeben kann, die man Nacht für Nacht erst einmal mit Reputationspunkten freischalten muss. Dabei ist die Umgebung tags oder nachts so leer wie Underground 2 und wirkt so statisch wie eine Komplettlähmung des zentralen Nervensystems. Aber dafür haben wir ja unseren Kevin-Horst, den Justin-Tiger und vor allem auch die strunzdummen Ordnungshüter, die wieder etwas Leben in die Bude bringen, wenn man bei ihnen anklopft. Fahndungslevel 5 FTW!

Wer eine aufregende und vor allem auch in sich schlüssige Story sucht, wird natürlich enttäuscht. Da man sie aber eigentlich gar nicht braucht und sicher auch nicht erwarten durfte, bleibt hier der Heul-Faktor niedrig. Man schreibt sich den Plot halt selbst, auch wenn einem die anfängliche Rumsucherei nach Rep-Punkten und Events etwas auf den Geist geht. Da die Polizei scheinbar auch nur einen einzigen Hubschrauber hat und den Ordnungshütern öfters mal der Sprit ausgeht, ist das schon lustig. Der Fahndungslevel als Multiplikator für gewonnene Nacht-Rennen ist sehr praktisch und wird gern genommen. Zumindest von mir.

Richtig negative Dinge gibt es allerdings auch zu vermelden. Das teure Lenkrad geht nicht, es sei denn, man nimmt eine kleine Software zu Hilfe, die Keyboard oder Pad aufs Lenkrad legen kann. Aber es ist am Ende eigentlich gar kein Verlust, denn es ist und bleibt Arcade auf höchstem Niveau, wo vor allem das Driften einmal mehr zum Highlight wird. Das ist gut gelungen und wer sich noch ein SUV gönnt, wird abseits von Rundkursen auch so seinen Spaß finden. Kategorie “Kann man so lassen” eben. Und ja, Wetter und Berge gibt es auch. Massig sogar.

Fange ich gerade an, begeistert zu wirken? Wer eine Simulation sucht, war hier doch schon immer falsch, sogar bei Shift. Dafür kommt die Hau-Drauf-Fraktion mit dem “Ist-ja-nicht-meine-Karre”-Feeling endlich mal wieder voll auf  ihre Kosten. Dann kann man auch mal eben und gänzlichst tiefenentspannt durch Downtown cruisen, ein chilliges Päuschen machen, nur um dann ganz schnell feststellen, dass die Grafik so altbacken und quaderhaft trivial wirkt, dass man dann doch lieber wieder Vollgas gibt. Und genau dafür ist das Spiel ja auch da. Die Fahrzeuge lassen sich optisch, akustisch (!) und leistungsmäßig tunen, Fahrwerkseinstellungen inklusive. Der Geschwindigkeitseindruck ist gut gelungen und selbst unter 40 FPS wirkt alles noch einigermaßen flüssig. Erstaunlich.

Der Dyno-Modus von NfS Underground 2 war zwar deutlich besser, aber man kann ja nicht alles haben.  Trotzdem kommt in der Garage keine Langeweile auf und etwas Rumtüfteln bringt echt was, vor allem in den Kurven und beim Driften. Man kann nämlich ziemlich lange mit den einfacheren Modellen auskommen, auch wenn irgendwann dann doch KI-bedingt Schluss ist. Zeiten, wo man mit einem aufgeblasenen 106er Peugeot samt Body-Kit noch die fetten Karren vermöbeln konnte, muss man ja auch nicht unbedingt neu aufleben lassen. Das passt schon so. Dafür gibt es jetzt wieder einzigartige Teile.

Vielleicht bin ich auch deshalb so euphorisch, weil EA endlich mal der alberne und nervige Schlüpfergummi ausgegangen ist, der einem die ganzen KI-Spinner an die Fersen tackert? Ja, wenn man stehen bleibt, hat man dann doch noch das Gefühl, die KI würde schon etwas schneller aufholen, als erwartet, aber wenn man keine Fehler macht, schafft man endlich auch mal wieder ordentliche Abstände, die einen ja zusätzlich motivieren. Aufholen geht auch und es ist zudem realistischer geworden, weil dann die KI nicht solange rumbummelt, bis man wieder an Lolas Hinterausgang das Nitro-Parfümchen schnuppern darf. Das hatten wir das letzte Mal in Underground 2 (aber ohne Lola), also ein fettes Danke auch dafür!

Apropos Nitro – der Bock zieht das Schnüffel-Gas lachend durch, bis die ganze Flasche leer ist! Dosieren geht nicht, das ist jedes Mal ein endlos scheinender Single-Blast mit Komplett-Entleerung und wer das vor der Kurve mal vergisst, der klebt dann schneller in der Peripherie, als er Mops sagen kann. Vor allem die 4-Kilo Lachgas-Familienpackung treiben einen nicht nur an und um, sondern ab und zu auch in den digitalen Wahnsinn. Also Vorsicht beim Einspritzen!

Gut, sich über (vermeintliche) Selbstverständlichkeiten freuen zu müssen können, ist jetzt auch nicht so prall, aber zumindest bringt dieser Mix aus allem, was man in NfS schon mal probiert hat und was nicht gar so schlecht war, auch keinen Würgereiz hervor. Die Plakatwände sind scheinbar genauso unverzichtbar für den Burnout,  wie das Finden paradiesischer Sammel-Graffitis oder das Zertöppern von leuchtenden Vogel-Trophäen aus der tuffigen Blue Oyster Bar. Pinke Flamingos als gepunktetes Hass-Kompensations-Objekt – da muss man auch erst mal drauf kommen, wobei ich Einhörner vorgezogen hätte. Oder dem Entwickler lag noch das mittägliche Hot-Dog quer vorm Darmausgang. Man weiß es nicht, aber in der Summe der ganzen Check-Liste zum nächtlichen Ab(r)ackern macht so viel dekadente Marmelade schon wieder Spaß, zumal es ja kein Muss ist.

Dazu kommt übrigens ein Sound-Track, der gefallen kann. Die sonst übliche Gangsta-Mucke hat man sich gekniffen, auch dafür ein großes Lob. Das Ganze ist ordentlich zusammengestellt und lässt einen nicht stundenlang an  goldbehangene Hoodie-Träger denken, die holprige Stammel-Reime elektronisch aufpeppen lassen mussten, die sie durch die verkokste Clan-Nase an die Umwelt abgesondert haben.

Im direkten Vergleich zum Dauerbrenner Forza Horizon 4 zieht NfS Heat durchaus nicht den Kürzeren, denn bis auf die fehlende Lenkradunterstützung hat man vieles diesmal richtig und anders gemacht. Oder um den Umkehrschluss zu ziehen: nicht so viel falsch, wie sonst immer. Dazu gehört auch, dass man keine zusätzlichen Mikrotransaktionen braucht, um Dinge freizuschalten, die man für selbstverständlich hält. Das Spiel fasst sich, trotz affiger Story, in der offenen Welt einfach besser an. Der Online-Modus funktioniert auch, allerdings sind Server-Lags unschön und lassen auch Spielereignisse plötzlich im digitalen Nirvana zurück, wenn man mal wieder so richtig Pech hatte.

Fazit? Ich mag NfS Heat, auch wenn es nicht das beste Need for Speed sein dürfte. Damit hat EA dieser Serie zumindest erst mal wieder etwas Luft verschafft, denn noch einen Flop hätte man sicher nicht mehr verkraftet. Und damit sind wir am Ende genau dort angelangt, wo das eigentliche Problem dieses Teils liegt: zum unbedingten Erfolg verdammt, blieb keine Reserve für Risiko oder Innovationen mit ungewisser Akzeptanz. Aber da nun wieder ordentlich Luft bleibt, hoffen wir mal auf den nächsten, mutigeren Schritt. Es kann nur (noch) besser werden.

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Igor Wallossek

Chefredakteur und Namensgeber von igor'sLAB

Computer-Nerd seit 1983, Audio-Freak seit 1979 und seit über 50 Jahren so ziemlich offen für alles, was einen Stecker oder einen Akku hat.