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Gaming Headset Corsair Virtuoso Wireless SE im Test – Nicht ganz preiswert, aber den Preis wert

Ich habe es mit Superlativen, vor allem im Bereich der Gaming-Headsets, immer ziemlich schwer. Fast immer aus gutem Grund, und sehr selten auch in positiver Hinsicht. Aber wenn Ausnahmen die Regel bestätigen, dann ist heute eben einmal Ausnahmezustand. Damit will ich Eingangs natürlich nicht zu viel spoilern, aber trotzdem muss ich darauf hinweisen, dass es sich wirklich lohnt, weiterzulesen. Denn wenn man schon einmal eine Perle aufpickt, dann sollte das Geschriebene dann hoffentlich auch (komplett) gelesen werden.

Nein, ganz perfekt ist das Virtuoso auch nicht, denn das ginge für die anvisierten knapp 180 Euro UVP auch gar nicht. Aber wenn ich das Headset mit ähnlichen Angeboten vergleiche, dann erscheint das Gebotene für diesen Preis durchaus fair. Und da ich mir sehr sicher bin, dass Corsair selbstbewusst nicht nur eine Redaktion mit Samples vollgepumpt hat, werde ich mich in meinem Review auf das fokussieren, was ich am ehesten kann: Materialanalyse, kompletter Break-Down, Platinen- und Chip-Analyse, Mikrofon-Test sowie die Audio-Chamber mit den üblichen Messkurven. Denn diesmal hat es sich wirklich gelohnt, so einen Aufwand zu treiben.

Corsair wurde übrigens nicht müde zu betonen, dass es sich hier um eine komplette Neuentwicklung handele und man den Schwerpunkt auf Soundqualität und Verarbeitung gesetzt hätte. Schön, das sagen fast alle in diesem Preissegment und meistens hört man bei so etwas auch gar nicht mehr so recht hin. Aber es hat diesmal schon etwas die Neugier provoziert und so bin ich in Asien auf Spurensuche gegangen, um den Geburtsvorgang etwas genauer zu hinterfragen. Sicher, vieles wird natürlich möglichst hermetisch gedeckelt, aber irgendwo gibt es immer ein Luftblase, in die man stechen kann.

 

Eigentlich sollte das Headset ja bereits gelauncht sein, denn exemplarisch vorgestellt wurde es ja schon mehr oder weniger. Nur mit der Markteinführung haperte es dann zeitlich ein klein wenig. Immerhin wurde der finale Test für die Zertifizierung erst am 16.07.2019 fertiggestellt (SGS-CSTC Standards Technical Services Co., Ltd. ) und ich habe mir auch diesen Testreport auf diversen Umwegen besorgt, um weiterführende technische Details im Artikel einbauen zu können. Interessant ist hier nämlich auch die Drahtlos-Technik, die vorher natürlich detailliert getestet und bewertet werden muss, damit man so etwas überhaupt verkaufen kann. Zumindest kann man Rick Ho, seines Zeichens Senior Project Manager bei Corsair, bescheinigen, dass sich der Aufwand durchaus gelohnt hat. Doch dazu später mehr.

Lieferumfang und Software

In der nett gestalteten Verpackung findet man das Headset, einen ansteckbaren Mikrofonarm, den USB-Wireless-Dongle, ein USB Ty-C Kabel mit A-Stecker für den PC, ein direkt anschließbares 3,5-mm-Multifunktions-Klinkenkabel (TRRS) für tragbare Geräte (und den PC), ein Manual und eine recht solide, textile Tragetasche. Auf ein Hardcase verzichtet man jedoch, was locker zu verschmerzen ist. Mehr braucht man erst einmal nicht, denn das Headset lässt Out-of-the-Box auch ohne die iCue Software betreiben. Analog geht ja sowieso und per USB-Kabel (man kann gleichzeitig beim Benutzen den Akku aufladen) oder Dongle hilft dann Plug and Play weiter.

Wer seinen Sound verschlimmbessern anpassen möchte, der wird mit der aktuellen iCue-Software natürlich glücklich. Soundprofile bis hin zum Bass-Boost sind wählbar und auch die Illuminaten dürften am RGB-Altar voll auf ihre Kosten kommen. Wer möchte, blättert bitte durch die Galerie unten, die die wichtigsten Screenshots aus iCue zeigt. Stabil ist das Ganze, so dass ich mich nach dieser kleinen Abhandlung lieber auf das Wesentliche konzentriere, nämlich das Headset selbst.

Optik, Haptik und Tragekomfort

Für knapp 180 Euro UVP bekommt man durchaus so Einiges geboten, was die Materialauswahl und das Design betrifft. So eine Gunmetall-Optik als Verbindung von echtem Leichtmetall und sehr sauber verarbeitetem Kunststoff in komplett passendem Farbton muss man erst einmal hinbekommen. Und so manche Stelle muss man erst einmal anfassen, um das Material letztendlich wirklich sicher einzuordnen. Rein optisch ist das Headset ein unaufdringlicher, aber solider Hingucker. Das passt also schon einmal.

Insgesamt hinterlässt die metallische Version einen grundanständigen Eindruck, zumal dem Headset die üblichen Gaming-Attitüden komplett abgehen. Ohne Mikrofon ginge das Teil auch als ordentlicher Wireless-Kopfhörer durch. Natürlich ist das Teil mit seinen 369 Gramm kein Leichtgewicht, aber auch noch kein Sumo-Ringer auf Abwegen. Für ein leistungsfähiges Over-Ear-Headset mit einigermaßen langer Laufzeit bewegt sich Corsair da auf einem guten Niveau.

Der Gelenkmechanismus ist ausgefeilt. Insgesamt 3 Achsen reichen natürlich, damit man sich die Muscheln perfekt aufs Ohr anfassen kann. Die Ohrmuschel mit dem sehr feinen Rillenschliff sieht nach Metall aus, ist aber Kunststoff. Das Corsair-Logo leuchtet und strahlt mit den zufriedenen Illuminaten um die Wette.

Da drückt und zwackt auch nichts, zumal das ausreichend weit herausziehbare Kopfband sehr straff im Bügel sitzt und eine klar definierte Rasterung auch ein ungewolltes Ändern der Einstellung verhindert. Das geht sogar noch mit Hutgröße 64 und ist damit auch Nordamerika- und Europa-tauglich. Trotzdem sitzt das Headset nicht zu locker und man wird es wohl wohl erst beim ambitionierten Headbang in eine ansehnliche Abwurfparabel befördern können. Vorher macht das Teil einen auf 3-Wetter-Taft.

Die Kuh, aus deren Erdöl-Fell das weiche Lederimitat des Bügelpolsters und das der beiden abnehmbaren Ohrpolster geschnitten wurde, hat in ihrem kurzen Laborleben leider nur pures Polyurethan zu fressen bekommen. Das schließt soft und extrem dicht ab, sorgt aber nach längerem Tragen auch für ein sehr spezielles Mikroklima. Gut, dass sich die zwei Ohrwärmer durch einen leichten Dreh sehr einfach ent- und befestigen lassen, dann klappt es auch mit der Hygiene für zwischendurch.

So schön, wie der ultraweiche Memory-Foam ja auch für die Druckstellen-Reha sein mag, dem Sound ist es etwas abträglich, wenn der Hörer zu nah ans Ohr gepresst wird.  Ich kann nur jedem raten, den Sitz mit laufender Schallquelle noch einmal zu optimieren.

 

Die Anschlüsse sind schnell erklärt und ich beginne mal von links nach rechts, auch muschelmäßig. Fangen wir mit der linken Muschel an. Die USB-C-Buchse nimmt das 1,5 Meter lange Ladekabel auf und dient neben der Akku-Fütterung gleichzeitig auch als USB-Anschluss. Dann wird der eingebaute DAC aktiv und alles funktioniert wie ein normaler, kabelgebundener Kopfhörer. Der analoge TRRS-Eingang mit der üblichen 3,5-mm-Klinkenbuchse lässt den Anschluss an mobile Geräte zu und der proprietäre Anschluss für das Mikrofon (USB-ähnlich) ersetzt die sonst übliche Klinken-Buchse. Das spart vor allem Platz auf der Platine im Inneren, ist aber eigentlich auch nicht stabiler.

Die rechte Muschel trägt noch den Lautstärkeregler (elektrisch) und den Umschalter zwischen USB und Bluetooth-Betrieb. Der Akku sitzt in dieser rechten Muschel, die Hauptplatine hingegen links. Doch auch dazu gleich mehr beim Break- und Tear-Down, wenn ich alles zerlege.

Der Mikrofon-Arm ist sehr flexibel und lässt sich gut der eigenen Physiognomie anpassen. Din Mute-Schalter am Stecker tut, was er soll und der Mikrofonkranz leuchtet wie das achte Weltwunder, je nach Mute-Stellung. Und wenn man iCue installiert hat, gibt es auch noch die passenden Umschaltkommentare. Und der Side-Tone (Nebenton) Regler lässt einen nicht ganz in der Abgeschlossenheit des Headsets zurück, sondern mischt das Mikrofon mit dazu.

 

Aufgeschraubt und zerlegt: Tear-Down (fast) aller Komponenten

Nimmt man die Polsterung ab, lassen einen vier Schrauben schnell ins Innere. Da Corsair auch nichts zu verstecken hat, kann man sich einen so einfachen Zugang selbstbewusst leisten. RMA-freundlich ist das allemal und der Preisklasse auch angemessen. Die 50-mm-Neodym-Treiber sitzen in einer abgeschlossenen Kammer ohne irgendwelchen akustischen Firlefanz wie Bassröhrchen oder Doppelkammer-Resonatoren. Danke dafür! Die Bilder unten zeigen die rechte Muschel mit dem 1200-mAh-Akku und der kleineren Platine mit dem BT-Umschalter und dem Lautstärkeregler.

Der Akku soll laut Corsair für bis zu 20 Stunden gut sein, was jedoch auch von der eingestellten Lautstärke abhängig ist. Für die Platine werden im Headset-Modus mit DAC und ADC samt der verbauten Prozessoren und dem AMP mit Sicherheit auch bei moderater Lautstärke knapp 200 mW fällig. Bei mir gingen nach ca. 14 Stunden das Licht und der Ton aus, was in Anbetracht der verbauten Technik und der Musikbeschallung im Loop ein guter Wert ist. Im Spiel mit wechselnden Soundpegeln kann das natürlich auch länger halten

Die nachfolgende Bildergalerie zeigt zudem die zerlegten beiden Ohrmuscheln. Die Bilder mit dem blauen Untergrund stammen aus der Bilderbeilage zum FCC-Prüfbericht von SGS, den ich mir selbst besorgt habe, der Rest von meinem Seziertisch. Spart Arbeit und hat einen kleinen Hauch von Spionage 🙂

Natürlich habe ich mir auch die Platine und deren Bestückung genauer angesehen. Der Akku wird über den USB-geladen, eine passende Beschaltung gegen Überladung bzw. für eine smarte Ladeerhaltung ist auf der anderen Platine vorhanden (siehe DA14195). Die rechte Platine trägt also eher die Peripherie, die linke Platine die Hauptverantwortung. Beginnen wir beim nachfolgenden Bild dieser Platine mal von rechts und gehen dann nach links. Corsair setzt auf einen nRF52832 von Nordic, der ein hochinteressanter Chip ist. Er verbindet einen 2,4 GHz Transceiver für den Bluetooth Low Energy Mode und einen 32-Bit ARM Cortex Prozessor mit FPU und ordentlich eingebautem Flash-Speicher und realisiert mit der individuellen Programmierung dann das, was Corsair als Slipstream Technologie verkauft. Die angegebenen 12 Meter im Sichtfeld sind allerdings arg sportlich definiert, aber bis reichlich 10 Meter geht es zumindest ohne Lags und Einbrüche.

Der Dialog DA14195 ist faktisch eine Art eierlegender Wollmilchsau für mobile Audio-Lösungen. Das Teil arbeitet als Co-Processor für Bluetooth, USB und den Analoganschluss und setzt ebenfalls auf eine 32-Bit ARM Cortex.MO MCU. Mit an Bord ist Hi-Fi DSP 3 (Tensilica), das nötige USB HS/FS-Interface, multiples HCI Clocking für die Bluetooth-Integration, ein dreifacher Stereo-Konverter mit einer Sampling-Rate von bis zu 192 kHz, einen dualen 10-bit DAC für den Input (Mikro), QSPI-Flash und die bereits erwähnte Ladeschaltung für den links verbauten Li-Polymer-Akku.

Der längliche DA7217/18 ist ein Audio-Codec und sorgt sowohl als DAC für die Stereo-Ausgabe, als auch als ADC für die Mikrofon-Aufnahme. Der Chip ist zudem aufs Stromsparen ausgelegt (4 mW Wiedergabe, 2,5 mW Aufnahme) und soll bis zu 110 dB Dynamikumfang bieten. Corsair wirbt mit dem käuflichen Hi-Res Audio Label, was bei 24 Bit und 96 kHz sicher machbar ist, aber nur Fledermäuse und die eigene PR interessiert. Allerdings ist hier kein Verstärker integriert. Dafür setzt Corsair auf einen gern verbauten SGM4916 von SGMicro, dessen Gain sich extern individuell durch Widerstände definieren  lässt. Dieser Chip in der aktuellen Beschaltung bringt mit der Spannung aus dem Akku reichlich 50 mW  (THD+N < 1%) pro Kanal, was kein schlechter Wert ist.  Bei einer angegebenen Empfindlichkeit von 109 dB/mV geht da schon Einiges ab, auch drahtlos.

Bevor wir gleich zur Messung kommen, habe ich Euch noch die Druckvorlage des Handbuch als PDF angehängt. Auch dies ließ sich relativ einfach aus Asien besorgen. Wer sich also für die ganzen Details, Leuchtsignale und Features vorab interessiert: einfach durchblättern!

02 User Manual

 

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Igor Wallossek

Chefredakteur und Namensgeber von igor'sLAB

Computer-Nerd seit 1983, Audio-Freak seit 1979 und seit über 50 Jahren so ziemlich offen für alles, was einen Stecker oder einen Akku hat.